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Mummy: The Curse $19.99
Publisher: Onyx Path Publishing
by Roger L. [Featured Reviewer] Date Added: 07/26/2014 01:52:30

http://www.teilzeithelden.de/2014/07/26/rezens-
ion-mummy-the-curse/

Wer erinnert sich noch an die Welt der Dunkelheit? Diese Buchreihe war in den 90er Jahren der Marktführer unter den Horror-Rollenspielen. Spieler verkörperten keine schmächtigen Ermittler auf dem Weg in den Wahnsinn, sondern Kreaturen der Nacht: Vampire, Werwölfe und Dämonen. Im Jahr 2004 beendete der herausgebende Verlag, White Wolf, die Serie in einem apokalyptischen Kampagnenband (Time of Judgement) und stieß damit vielen Fans vor dem Kopf. Was dann folgte, war eine vollständige Neuauflage. Die Neue Welt der Dunkelheit (oder nWoD) kam ohne starken Metaplot aus und war mehr auf persönlichen Horror ausgelegt – konnte aber nicht an die Beliebtheit der ersten Version anknüpfen. Der Verlag und seine Schreiber wurden von CCP Games aufgekauft und für das Massive-Multiplayer-Spiel EVE Online verpflichtet. Die Welt der Dunkelheit schien tatsächlich untergegangen zu sein. Warum erzähle ich das eigentlich alles? Nun, es ist wichtig um zu verstehen, wie Mummy: The Curse zustande kam und warum das Buch so ist, wie es ist. Im Jahr 2012 gründete Richard Thomas, der ehemalige Creative Director von White Wolf, die Firma Onyx Path Publishing (OPP) und erwarb die Rechte an der Horror-Rollenspielreihe. Das Team begann sogleich neue Bücher herauszubringen. Das erste davon, The God-Machine Chronicle, war ein Meta-Hintergrund für die nWoD und eine Überarbeitung der Grundregeln von 2004. Auch bei Blood and Smoke (Vampire) beschränkte man sich auf kleinere, mechanische Veränderungen und leichte Umgewichtungen im Hintergrund, um die Fans nicht noch einmal zu verärgern. Doch mit Mummy: The Curse betritt Onyx Path erstmals Neuland und bringt eine unbeliebte Horror-Serie der 90er in die nWoD.

Die Spielwelt Mummy: The Curse spielt, wie könnte es anders sein, in Ägypten. Dort gab es noch vor den ersten Pharaonen, so verrät das Regelwerk, das Imperium der Irem. In diesem fanden Zauberer einen Weg zur Unsterblichkeit und damit eine Möglichkeit ihr Reich für immer aufrechtzuerhalten. Doch der Weg dazu führte über Menschenopfer und Reisen durch die Unterwelt. Hier wird es interessant, denn die Spieler verkörpern solche Unsterblichen, die nach Ewigkeiten aus dem Totenreich zurückgekehrt sind und sich plötzlich in der modernen Welt wiederfinden. Statt des alten Imperiums gibt es Flugzeuge, Autos und das Internet. Das könnte ein Setup für B-Movie-Klamauk sein, doch Mummy: The Curse hält auf jeder Seite tapfer einen bitterernsten Ton aufrecht.

Die Auferstandenen Die Mumien nennen sich selbst „the Arisen“, was man auf Deutsch grob als „die Auferstandenen“ übersetzen kann. Sie erwachen selten von alleine, sondern werden meist von einem Kult erweckt, oder wenn jemand versucht ihre Gruft zu plündern. Gerade erwacht, sind sie mächtige Monster, kaum mehr als ein Skelett mit Bandagen und mit einem klaren Auftrag – etwa „Verteidige deine Gruft“ oder „Hilf dem Kult in seiner Not“. Ihnen fehlt zunächst jeder Bezug zur modernen Welt und Moral. Dafür bringen Arisen aus dem Totenreich große Macht mit und übertreffen mit ihren enormen Kräften nahezu alle anderen übernatürlichen Wesen der Welt der Dunkelheit. Doch hier kommt der Haken: Je länger ein Arisen erwacht ist, desto menschlicher wird er. Dadurch gewinnt er Erinnerungen an sein früheres Leben zurück, verliert aber auch nach und nach seine Macht, bis er wieder einschläft und ins Totenreich zurückkehrt.

Was machen Mumien so? Arisen sind vor allem eins: fremdartige Monster einer längst vergangenen Zeit, die nach und nach etwas über die Welt lernen. Dabei ist das Zurückgewinnen der eigenen Erinnerungen auch ein Selbstfindungsprozess und Mummy: The Curse damit letztlich ein esoterisches Spiel. Es geht nicht darum, Intrigen zu spinnen oder Monster zu verhauen, sondern darum, der eigenen ewigen Existenz einen Sinn zu geben. Dazu kommt eine gemeine Zwickmühle: Handelt ein Arisen früh und im vollen Besitz seiner Macht, aber ohne Durchblick, oder versucht er erst die Gegebenheiten ganz zu verstehen und büßt dabei einen Teil seiner Macht ein?

Doch nicht Ägypten! Beim Lesen von Mummy: The Curse fällt auf, dass das Setting nicht im modernen Ägypten mitten in sozialen Unruhen des Arabischen Frühlings spielt (was ein großartiges Setting gewesen wäre!), sondern, dass es die Auferstandenen unter anderem nach Amerika verschlägt. Im Buch wird immer wieder auf Washington D.C. angespielt, das angeblich von Mumien nur so wimmelt und wohl in einem eigenen Settingband nachgeliefert wird. Das hat sicher auch mit dem Smithsonian Museum zu tun, das zahlreiche Ägypten-Ausstellungen beinhaltet. Ein Schelm, wer jetzt an Nachts im Museum 2 (2009) denkt. Doch wie bei allen Rollenspielen der World of Darkness-Reihe ist es natürlich auch möglich, jede andere Stadt der Welt als Schauplatz zu wählen.

Die Regeln Bei Mummy: The Curse mussten die Autoren keine Rücksicht auf eine Vorlage der neuen Welt der Dunkelheit und ihre Fans nehmen. Das Ergebnis ist Neuland, auch im Sinne der Spielmechaniken. Anders als Vampire oder Magier starten Arisen mit großer Macht (Sekhem), aber niedriger Menschlichkeit (hier als Wert Memory genannt). Bei bestimmten Meilensteinen – wichtigen Ereignissen der Geschichte – während des Aufenthalts in der modernen Welt steigt der Memory-Wert, sinkt aber gleichzeitig der Sekhem-Wert. Dies ist zwar eine interessante Umsetzung der Themen des Spiels, funktioniert damit aber genau entgegengesetzt zu anderen Settings der Welt der Dunkelheit wie Vampire oder Werewolf. Schlimmer noch, die Mechanik ist an sich wenig intuitiv für ein Rollenspiel („Wie, mein Charakter wird mit der Zeit schwächer?!“). Dafür schöpft Mummy: The Curse gerade zu Beginn des Spiels aus den Vollen. „Utterances“ heißen dabei die beeindruckendsten Fähigkeiten in drei Stufen. Ab Stufe zwei ermöglichen diese biblisch-cineastische Effekte wie das Beschwören von Sandstürmen oder einer Zombiehorde. Dazu sind die unsterblichen Arisen (wen wundert es?) besonders schwer zu vernichten. Wird ihr Körper zerstört, kehren sie einfach aus dem Totenreich zurück, nur mit etwas weniger Sekhem. So wird die temporäre Vernichtung des eigenen Charakters zu einem Spielelement.

Charaktererstellung Bei der Charaktererstellung folgt Mummy: The Curse weitgehend den Regeln der nWoD. Nach der Erstellung als Sterblicher wird das Arisen-Template angewendet. Der Spieler wählt dabei eine Gilde aus, zu der er in der alten Irem-Kultur gehört hat und die, vergleichbar mit einem Clan der Vampire, den Charakter prägt. Dazu wird der Charakter an einen Totengott (Judge of Duat) gebunden, der besondere Eigenschaften der „fünffachen-Seele“ (Pillars) prägt und passive Kräfte (Affinities) verleiht. Das Problem hierbei: Zu Beginn des Spiels liegen die Vergangenheit des Charakters und die genaue Beschaffenheit der Irem-Kultur noch im Unklaren. Hier ist sehr oft der Spielleiter gefragt, der einem Charakter sogar bestimmte Werte mit auf den Weg geben kann. Zum Schluss gibt es für Arisen immerhin 20 Erfahrungspunkte extra, um ihr hohes Alter zu honorieren.

Besonderheit: Kulte Eine Regel-Besonderheit des Spiels sind die Kulte (Cults). Jeder Arisen braucht mindestens einen Punkt in diesem neuen Hintergrund. Wer mehr Punkte bei der Charaktererschaffung hierfür ausgibt, startet gleich mit einer großen Anhängerschaft. Der Kult kann eigene Vorzüge (Merits) erhalten und selbst ausgestaltet werden, von okkulter Verschwörung bis internationaler Organisation. Damit bindet das Spiel sterbliche NSC eng an einen Arisen und ermöglicht Konflikte zu lösen, ohne dass der Charakter selbst in Erscheinung tritt. Während der Kult handelt, bleibt die Mumie in der Grabkammer (Tomb), wo ihre Kräfte sogar noch stärker sind.

Bonus: Geister spielen Ein Bonus für Spieler und Spielleiter findet sich im Kapitel über Geister. Hier wird eine regeltechnische Möglichkeit eingeführt, Geister bewusster und menschlicher zu gestalten und mit Erfahrungspunkten aufzuwerten. Damit können Geister in der Welt der Dunkelheit auch zu Protagonisten werden. Das hat zwar mit Mummy: The Curse weniger zu tun, ist aber eine nette Dreingabe. Schließlich sind Arisen eng an das Totenreich gebunden und können auch mit Geistern sprechen.

Spielbarkeit aus Spielersicht Eigentlich klingt Mummy: The Curse perfekt für Gelegenheitsspieler: Die Charaktere starten mit großer Macht, ohne genaues Wissen über ihre eigene Geschichte und (zumindest eine Zeit lang) ohne große Skrupel. Doch gerade für Gelegenheitsspieler ist dieses Horror-Rollenspiel nichts. Denn die Atmosphäre von Mummy: The Curse und die Themen des Spiels können sich erst in einer längeren Kampagne entfalten und erfordern einen höheren Anspruch als „Mumie wacht im Museum auf, ist verwirrt und terrorisiert die Gegend“. Dazu kommt: Einen Arisen zu verkörpern, heißt zu Beginn ein fremdartiges Monster zu spielen, das kaum Identifikation mit dem Charakter zulässt und einiges an Vorstellungskraft erfordert. Einigen Spielern dürfte auch unwohl dabei sein, die Vergangenheit des eigenen Charakters – und damit einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit – ganz in die Hände des Spielleiters zu legen. Das größte Problem liegt jedoch in der Wiederspielbarkeit des Settings. Mummy: The Curse enthält nämlich Spielern zu Beginn bewusst einige Informationen vor. Das mag zwar beim ersten Mal elegant sein, da Spieler mit ihrem Arisen nach Antworten suchen, die der Spielleiter nach und nach preisgibt. Dieses Element fehlt dann aber schmerzlich bei einer zweiten Kampagne. Auch als Teil der sonst so beliebten Cross-Over-Spielrunden (ein Vampir, ein Werwolf, ein Dämon etc.) sind Arisen durch ihre Spielmechaniken kaum brauchbar. Wer von all diesen Punkten absehen kann, dem gibt Mummy: the Curse ein einzigartiges und forderndes Spielerlebnis. Je weniger Mitspieler dabei vorhanden sind, desto intensiver wird die Geschichte um die Selbstfindung und Rückgewinnung der Erinnerung. Dabei gehört Mummy: the Curse zu den Rollenspielen, die im Team aus Spielleiter und Solo-Spieler mit absolutem Fokus auf einen Charakter wohl am besten funktionieren. Oder aber man nutzt den Vorschlag des Regelwerkes eine Kultisten-Gruppe um einen Arisen zu spielen – wahlweise auch mit wechselnden Rollen.

Spielbarkeit aus Spielleitersicht Spielleiter können in Mummy: The Curse zeigen, was sie drauf haben. Das müssen sie sogar, denn das Spiel schiebt einen Großteil des Hintergrundes der Charaktere in den Aufgabenbereich des Meisters. Leider hat gerade das Kapitel „Storyteller“ einige Lücken. Hier hätte noch mehr auf den Hintergrund der Arisen und der übernatürlichen Mächte im Hintergrund (Powers that Be) eingegangen werden müssen. Auch beim Thema Feinde der Arisen herrscht eher Ratlosigkeit. Statt mächtiger, übernatürlicher Feindbilder auf Augenhöhe werden lieber abtrünnige Gilden beschrieben und Gründe geliefert, warum die Unsterblichen einander angreifen könnten. Einzig die „Lifeless“, Sekhem-fressende Geschöpfe mächtiger Nekromantie, haben wirkliches Antagonisten-Potential. Die Beschreibungen glückloser Grabräuber sind hingegen eher unbrauchbar und wohl nur der Vollständigkeit halber und dem Thema geschuldet beigefügt. Insgesamt ist es als Spielleiter einfacher, Arisen als NSC oder Feinde in eine Geschichte einzubauen, als eine Kampagne für mehrere uralte Unsterbliche zu spinnen. Andererseits ist Mummy: The Curse ein Rollenspiel, das Geschichten auf mehreren Ebenen ermöglicht, verbunden durch Rückblenden, Erinnerungen und Episoden, in denen nur Kultanhänger vorkommen. Wer als Spielleiter ein Setting für eine anspruchsvolle, komplexe und epische Geschichte sucht, ist bei Mummy: The Curse goldrichtig. Die zahlreichen Artefakte der Arisen sind dazu Ideengruben für einzelne Abenteuer.

Preis-/Leistungsverhältnis 20 EUR für ein PDF sind ein stolzer Preis, der sich aber dank der Fülle an gut geschriebenen Lesetexten, interessanten Hintergründen, Artefakten, Sonderregeln für Geister und Plotideen als World of Darkness-Fan auch dann lohnt, wenn man gar nicht vorhat, eine Mummy-Runde zu spielen. Auch das Hardcover als Print-on-Demand hätte sicher teurer ausfallen können als 35 EUR.

Erscheinungsbild Das Cover von Mummy: The Curse wirkt etwas schlicht im Vergleich mit anderen World of Darkness-Bänden. Dafür ist das Innere des Regelwerks hervorragend gestaltet. Die Lesetexte sind ansprechend und spannend geschrieben und die Illustrationen in gelblicher Sepia-Optik sind ausnahmslos passend und von sehr hoher Qualität. Dass die Informationen des Buches in Spieler- und Spielleiterabschnitt aufgeteilt und damit manchmal unintuitiv platziert sind, mag man diesem Buch gerne verzeihen. Ein Bogen zur Kurzübersicht oder ein etwas besserer Index hätten Mummy: The Curse aber gut getan.

Fazit Mummy: The Curse ist ein Sonderling der neuen Welt der Dunkelheit. Das Spiel ist sehr experimentell in seinen Mechaniken und anspruchsvoll in seinen Themen. Es erfordert eine Rollenspielrunde, die sich auf das Spiel einlässt und die Tragik und Esoterik des Settings ernst nimmt. Dazu steht und fällt Mummy: The Curse weit mehr als viele andere Rollenspiele mit der Qualität des Spielleiters, der hier großen Einfluss auf die einzelnen Charaktere und deren Hintergründe hat. Damit ist das neueste Produkt von Onyx Path Publishing nicht für Jedermann und schon gar nicht für eine unerfahrene Spielrunde geeignet. Doch wo Mummy: The Curse als Rollenspiel einige Schwächen hat, ist das Buch als Hintergrundmaterial für andere Welt der Dunkelheit-Runden sehr brauchbar. Wissensdurstige Magier dürften mit dem Irem-Imperium, den Totengöttern und der von Zauberern geschaffenen Unsterblichkeit ganze Kampagnen verbringen können. Vampire und Werwölfe haben in den übermächtigen Arisen und ihren verborgenen Kulten neue und gefährliche Antagonisten. Und die Möglichkeit Geister als Spielercharaktere zu wählen, wird sicher in mancher Cross-Over-Runde Anwendung finden. Persönliche Notiz Mummy: The Curse hat eine eigene Faszination, die sicher auch an der Präsentation des Buches liegt. Mich persönlich haben die Arisen nach Lesen und erstem Spielen nicht mehr losgelassen. Jetzt brauche ich nur eine Spielrunde, die die Zeit hat und sich auf eine mehrjährige Esoterik-Selbstfindungs-Kampagne auf fünf Zeitebenen einlässt …



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